Initiation, Mantra, Übungspraxis

Die Initiation (Einweihung)

Sonne

Was bedeutet Initiation? Man sagt, dass die Yoga-Praxis alle Ebenen unseres Seins zu einer Einheit verbindet. Auf ähnliche Art wirkt sich die Initiation auf alle Ebenen unseres Lebens aus: Physisch, psychisch und spirituell. Mal sehen, was Initiation auf jeder dieser Ebenen bedeutet.

Einweihung auf physischer Ebene
Auf körperlicher Ebene markiert das Initiationsritual einen Wendepunkt in deinem Leben. Durch die Einweihung wird jemand ein Schüler eines bestimmten Guru des Yoga und stellt sich selbst unter die direkte Vormundschaft seines spirituellen Meisters oder Lehrers, der den gleichen Yoga-Stil praktiziert. Gewissermaßen bedeutet initiiert sein, ein Teil der Familie zu werden, mit den Brüdern und Schwestern als Co-Initiierte und den Älteren als Lehrer.

Wie bei allen Ritualen werden der Initiator (der Lehrer) und der zu Initiierende (der Schüler) eine vorgeschriebene Zeremonie ausführen. In der Himalaya-Tradition sollte sich der Schüler oder die Schülerin vor dem Tag der Einweihung reinigen, indem er oder sie ein Bad nimmt, rein vegetarische Nahrung zu sich nimmt und Gelassenheit des Geistes pflegt. Zum Ritual bringt dann der Schüler oder die Schülerin dem Guru ein dakshina, eine Geldspende über einen bestimmten Betrag, mit und trägt saubere und bequeme Kleidung.

Am Ort der Einweihung sitzt der Schüler oder die Schülerin eine Weile in der Stille, bevor er zum Initiator/Lehrer gebracht wird, der sich in tiefer Meditation befindet. Der Lehrer mag den Schüler oder die Schülerin zur Meditations-Haltung und Entspannung anleiten. Dann flüstert der Lehrer ein Mantra ins rechte Ohr des Schülers oder der Schülerin und danach sitzen beide noch eine Weile in Meditation zusammen. Das Ritual endet mit einem Segen für den Schüler oder die Schülerin.

Einweihung auf energetischer Ebene
Auf der energetischen Ebene hat Einweihung zwei Aspekte. Es bietet uns einen Blick auf unser Ziel und hilft uns, die Praxis zu beginnen.

Normalerweise ist es so, dass die Gegenwart einer Person mit starken Emotionen in uns die gleichen Emotionen weckt. Beispielsweise könnten wir Angst empfinden in der Anwesenheit eines Menschen, der in Angst und Schrecken versetzt wurde durch die Nähe eines anderen, der äußerst wütend ist. Wenn das so ist, stell dir den Effekt vor, bei jemandem zu sein, der vollständig im Frieden ist. In der Gegenwart einer solchen Person zu sitzen, kann unsere Nerven für eine Weile beruhigen und einen Vorgeschmack auf einen anderen Seinszustandes geben. Dann können wir versuchen, selbst eine ähnliche Gelassenheit zu erreichen.

Über die eigene Zielsetzung hinaus gibt die Initiation einen Schubs in Richtung unseres Ziels. Es wird gesagt, dass uns durch die Initiation Energie aus der spirituellen Quelle zufließt. Deshalb wird weltweit in religiöser Kunst Einweihung als Lichtstrahlen dargestellt, die auf den Initianden fallen, oft von oben. In diesem Sinn ist die Einweihung ein Zündfunken, der unsere spirituelle Maschine zum Laufen bringt. Es bleibt schwierig, über all diese Aspekte der Initiation zu sprechen, weil sie etwas ist, das jeder Einzelne für sich selbst erfahren und erforschen muss.

Einweihung auf geistiger Ebene

Zusammen mit der Initiation auf körperlicher und energetischer Ebene beeinflusst Einweihung unseren Geist durch das Mantra. Das während der Initiation gegebene Mantra kann uns zu innerem Frieden führen. Und zwar so: Gewöhnlicherweise ist unser Geist mit zufälligen Gedanken erfüllt – einige schmerzhaft, andere angenehm. Wenn wir uns auf schmerzvolle Gedanken konzentrieren, empfinden wir Schmerz. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit den angenehmen Gedanken zuwenden, fühlen wir uns gut. Somit verursachen wir selbst angenehme oder unangenehme Gefühle, indem wir die jeweiligen auswählen.

Yoga nutzt diese Logik und geht einen Schritt weiter. Indem wir uns auf das friedliche Mantra konzentrieren, beruhigen wir Herz und Geist und erreichen eine Gelassenehit, die über Schmerz oder Vergnügen hinausgeht. Man sagt, dass das Mantra reiner Klang ist, der bestimmte Qualitäten in unserem Geist weckt. Genauso wie Musik haben verschiedene Mantren unterschiedliche Wirkungen. Das Mantra, das während der Initiation ausgesucht wird, gibt dem Initianten jene, die er benötigt.

Das Mantra, das wieder und wieder während des Tages und der Meditation rezitiert wird, hat Wirkung auf den Geist. Die Auswirkung von Rockmusik wird sich vom Hören sanfter Musik unterscheiden. Genaus ist das mit dem Mantra. Es ist wie ein Schlüssel; einer zum Zentrum unseres Seins. Durch fordauernde Mantrarezitation drehen wir den Schlüssel um.

Es gibt einen zweiten geistigen Effekt der Initiation. Auf dem spirituellen Weg ist es wichtig, unsere Fähigkeiten zu schärfen. Das bedeutet, den Teil unseres Geistes zu verfeinern, welcher Entscheidungen trifft und der in Sanskrit „Buddhi“ genannt wird. Mantrameditation verfeinert Buddhi, indem unsere Fähigkeit steigt, ungestörter Zeuge all dessen zu sein, was um uns herum passiert. Nach einer gewissen Zeit lernen wir, gewohnheitsmäßige Denkmuster zu beobachten und die Projektionen von der Realität zu unterscheiden. Auf diese Weise beeinflusst die Einweihung in äußerst vorteilhafter Weise.

Initiation auf spiritueller Ebene

Zu guter Letzt wirkt Einweihung auch auf spiritueller Ebene, indem sie uns der ultimativen Quelle allen Wissens öffnet, in Sanskrit „hiranyagarbha“ genannt, der Goldene Mutterschoß. Hiranyagarbha ist der unpersönliche innere Lehrer, die Gurukraft, aus der alle verkörperten Lehrer (ihr Licht) schöpfen. Die Einweihung verbindet uns mit dieser Gurukraft.

Aus Swami Vedas Blog, Februar und März 2015, übersetzt von Sabine Strätger