Swami Veda

Wie läuft’s mit deinem Schweigen?

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Viele meiner Freunde und Initiierte in allen Ländern schreiben mir und fragen: „Swamiji, wie läuft’s mit deinem Schweigen?“ Ich bin versucht zu antworten: „Wie läuft’s mit deinem Sprechen?“

Statt eines fünfjährigen Gelübdes haben die meisten ein lebenslanges Gelübde zu sprechen. Für viele ist Schweigen nicht so natürlich. Für andere wiederum, für Wahrheits- und Ruhesuchende ist Schweigen der natürliche Zustand, aus dem wir gekommen sind und in den wir uns wieder auflösen werden. Durch all unsere nach außen gerichteten Sinneshandlungen hindurch fließt ununterbrochen eine Stille  als innere Basis.

Manch einer behandelt mein Fünfjahresgelübde als ‚heldenhaft‘, oder vielleicht als etwas, das ich getan habe aus erheblicher Selbstverleumdung heraus! Tatsächlich ist es aber so, dass ich mir diese Freude gönne.

Ja, mit  meinem Genuss an dieser Freude läuft’s sehr gut, aber ich erreiche damit nicht alles, was ich erhofft hatte. Meine Hoffnung war, mich zu befreien aus allen  Wicklungen mit der Organisation des Ashrams. Ein paar Leiter haben bestimmte Bereiche davon übernommen und mich so etwas erleichtert, aber noch nicht ganz, und es gibt täglich hunderte von E-Mails, die alle ihre Aufmerksamkeit brauchen. So sieht es auch aus mit den Ashram-Angelegenheiten. Ich schaffe es, Gedanken und Vorschläge in Schriftform zu geben, aber ich würde lieber meine vedische Poesie schreiben, die in Augenblicken der stillen Kontemplation fließt.

Etwas, das mir unangenehm ist, ist wenn jemand in meiner Gegenwart spricht. Ich wünsche mir absolute Ruhe, aber Menschen um mich herum fahren fort mit ihren Unterhaltungen und merken noch nicht einmal immer, wenn ich nach Innen gewandt bin. Meine Einsamkeit muss akzeptiert werden.

Manchmal spreche ich, (a) wenn ich geführte Meditation oder Initiation erteile für ein paar sehr wenige, und (b) wenn ich Kinder segne, die unter 8 Jahre alt sind. Ich finde, im Schweigen ein Kind zu umarmen ist eine großartige Erfahrung, und sie bereichert mich und unterstützt mein Schweigen. Es gibt keine besseren Lektionen im geistigen Schweigen, als ein Kind zu umarmen.

Das Schweigen hat geholfen, die Shakti in vielerlei Hinsicht zu bewahren. Es hat geholfen, die körperliche Kraft dieses achtzigjährigen Körpers zu verbessern, und wenn ich selten eine Initiation oder eine geführte Meditation erteile, manifestiert sich diese Energie selbst. Das ist so, weil mein Lehrer mir beigebracht hat, diese Shakti aufzunehmen und zu integrieren, und nicht zu vergeuden durch Reden, Plaudern oder durch müßige Beschäftigungen. Statt diese Energie „aus-zu-drücken“, habe ich mich entschieden, mich damit zu „be-ein-drucken“, und es schenkt eine subtile Freude und Gelassenheit.

Swamiji, wie kamst Du zu der Idee, fünf Jahre zu schweigen? – fragen mich Menschen. Diese Idee kam mir, als ich vielleicht sechs Jahre alt war. Mein Vater und ich spazierten die Rafpur Road in Dehradun entlang, wo ich geboren wurde. Wir gingen bergauf, da kam uns unser Nachbar Pandit Dharmadeve Shastri entgegen, er war ein Philosophie-Lehrer am Gurukula, wo wir lebten. Später gründete er eines der wichtigsten Hilfsorganisations-Ashrams für Leprakranke unter der Leitung von Gandhiji (eine weitere Inspiration, die darauf wartete, im KHEL-Projekt verwirklicht zu werden).

Er ging bergab und wurde begleitet von einem Swami, der safranfarbig gekleidet war und ein strahlendes Gesicht hatte. Pandit Dharmadeva wusste um das Interesse meines Vaters an Yogis. Er stellte uns dem Swami vor und erzählte uns, er habe den Swami am Straßenrand sitzend getroffen. Er war ein schweigender Swami und hatte schon seit 25 Jahren nicht mehr gesprochen, während er in den Bergen lebte und dort seine Übungen machte. Ich kann mich an seinen Namen nicht erinnern. Die Geschichte geht noch weiter, aber das genügt erst einmal. Das war meine erste Inspiration. Ich wusste, das war erstrebenswert, und ich würde eines Tages auch ein 25jähriges Schweigegelübde  auf mich nehmen. Mein Wunsch ist noch unerfüllt.

Seitdem habe ich einige Swamis im Schweigen getroffen, und jeder hat einen Funken der Inspiration hinterlassen, der meinen Wunsch verstärkt hat. Mein Freund Swami Chandra, der ein Ashram hat am Ufer des Yamuna Flusses im Dorf Domet nahe der Berge hat, hat schon 27 Jahre nicht gesprochen. Ich schicke oft unsere Ashram-Mitglieder und Gäste dorthin, sein Ashram zu besuchen.

Die meisten können sich nicht vorstellen, wie schwierig und unnatürlich es für jemanden ist, der nach innen gerichtet ist, diese Versunkenheit zu unterbrechen und die Aufmerksamkeit nach außen zu richten, um die weltlichen Anforderungen zu erfüllen.

Ich wünschte, diese fünf Jahre wären nie vorbei, aber ich weiß, sie werden enden. 138 Tage sind schon zu schnell vergangen. Wenn fünf Jahre vorbei sind, wird es schmerzvoll sein, wieder zu sprechen, eine große Willensaufwendung.

Ich wünschte, dass alle Menschen auf der ganzen Welt lernen, in diese Tiefgründigkeit des Schweigens einzudringen.

veröffentlicht am 24. Juli 2013, von Swami Veda Bharati, übersetzt von Birgit Maes